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Prosa: Les Quatre Frères

Le Quatre Frères – ein Versuch der Interpretation

Von Susanne Sehelic-Nüßlein, B.A.

Frau ist ja von Fionn Ruadh, unserem allseits bekannten Allround-Künstler, einiges gewohnt. Beginnend mit Satiren über Pfeile, fortgeführt durch kryptische Analysen rezenter Verschlüsselungsalgorithmen und nicht endend bei Variationen über schwedische Fischerlieder setzt uns der Mittsechziger, dem man sein Alter kaum ansieht (ich schätze ihn sehr, und zwar auf Mitte 70) jetzt eine Skulptur vor: „Le quatre frères“.

Von Sergej Koroljow stammt der Spruch: „Die Kunst ist, einfach zu bauen. Kompliziert bauen kann jeder“. Ruadh, der, wie wir wissen, sich sehr intensiv mit der Geschichte der Raumfahrt auseinandergesetzt hat, wird diese Aussage verinnerlicht haben. So ist auch die Skulptur, was die rein physikalische Ausführung betrifft, Minimalkunst: Fünf Rank-Spiralen und vier Setztöpfchen.

Wobei zu fragen ist: ist das alles? Denn die Spiralen sind ja in der Erde gesetzt, genauer: in die Hochbeet-Erde. Ist diese Erde, dieses Beet Teil des Kunstwerkes? Wir sehen es später.

Zunächst einmal ein unbefangener Blick. Stünden die „quatre frères“ nicht im Kunstgarten, sondern irgendwo im Beet eines, sagen wir, Mount Usher Garden, der flüchtige Zuschauer sähe in ihnen nur die zwischengelagerten Stützen längst vergangener Tomatenpflanzen. Zufällig in ein zufällig freies Stück Erde gerammt, zufällig mit den nicht mehr benutzten Plastiktöpfen der Tomaten-Nachzucht gekrönt. Morgen schon kommt die nächste Gärtnerin aus Liebe vorbei und nimmt sich ein, zwei Stäbe heraus. Sie braucht sie halt. Alltag. Nichts Besonderes.

Hier aber stehen die Stäbe, die Spiralen, die „Brüder“, nicht in irgendeinem Beet, zufällig hineingeworfen. Sie stehen allein in einem riesigen Hochbeet, genau auf Abstand gesetzt, auffallend und auffällig, herausfordernd: horseman, don’t pass by! Look at us! Das Beet allein wäre keinen Blick wert, die Installation aber bricht diese Monotonie und zwingt uns, hinzusehen.

Und in der Tat kann die, die sehen gelernt hat, dort vieles sehen. Fünf Stäbe, zum Beispiel. Fünf Stäbe – vier Brüder? Der fünfte Stab fällt auf, ragt aus den anderen heraus, ist anders, nicht topfbekrönt, einzigartig. Steht ganz aufrecht da, im Gegensatz zu den vier anderen, die sich zu ihr hingeneigt zeigen. Wer ist sie? Oder er? Die große Schwester? Die Große Mutter? Ihr Vater? Wir können es erahnen, wenn wir die vier Gleichen genauer betrachten. Sie sind ähnlich, fast gleich, aber eben nur fast. Ruadh hat sie nicht einfach ins Beet gerammt, die Spitzen der Spirale zeigt bei jedem in eine andere Himmelsrichtung. Genau, in eine der vier Himmelsrichtungen. Exakt (wäre bei Ruadh, dem verhinderten Mathematiker und Physiker auch verwunderlich, wenn nicht) zeigen sie genau nach Norden, Süden etc. So wie das Beet, an dessen Ostende sie stehen, genau nach Westen zeigt. Man könnte seine Ausrichtung nutzen, um ein Teleskop einzunorden. So unterschiedlich ihre Ausrichtung ist, so unterschiedlich der Sitz des „Käppis“, des dunklen Setztopfes. Jeder der „Brüder“ ist den anderen ähnlich, und doch ist jeder einzigartig.

Und: sie stehen am Anfang des Beetes, hinter sich im Osten nur die Mauer, vor sich ein unbestelltes Beet. Arbeit, die noch zu tun ist. Teilen die Bahnen längs der Längsmauern brüderlich unter sich auf. Jeder wird seinen Streifen beackern, jeder seiner Façon, seiner Ausrichtung, seinem Lichtbedarf entsprechend. Tief im Boden verankert sind sie ein Symbol des ewigen Werdens und Vergehens. Das Werden liegt in den unbestellten Beetstreifen, das Sein in den Pflanztöpfen, das Vergehen in den nicht mehr gebrauchten Stäben. Sie sind bereit und brauchen nur noch ein Zeichen.

Ein Zeichen? Die Skulptur entstand im Herbst, das ist keine Zeit zum Pflanzen. Die Sonne gibt da kein Aufbruchszeichen. Sie wird noch Monate lang ihre tägliche Bahn immer kürzer ziehen.

Aber die Erde, Gaia, sie weiß es: die Zeit des Wachstums kommt wieder. Und sie ist es, die der fünfte Stab symbolisiert: Mutter Erde, die Große Mutter, die nimmt und gerne gibt, wenn man sie gut behandelt, wenn die Brüder der Erde rechtzeitig tätig werden und tun, was getan werden muß, um die Fruchtbarkeit zu erhalten. Sie steht still und erhaben über allem, fordernd und schützend zugleich. Sie braucht keinen Hut, keinen Schutz, sie ist der Schutz.

Und die Vier Brüder schauen zu ihr auf, neigen sich ihr zu, nehmen den Schutz an.

So gesehen ist dieses minimalistische Kunstwerk eine Verbeugung vor der Großen Göttin, eine Ode an die Mutter Erde, eine Hoffnung auf Ernte, eine Antizipation von dem, was sein könnte, wenn wir es nur gestalten, ein Aufruf an uns alle: seid nicht untätig, packt mit an, helft mit!

Kurz: ein echter Ruadh. Wieder einmal.






















































Kommentar des Künstlers:
Gut gesehen, aber ich habe die Dinger aus dem alten Tomatenhäuschen gerupft und wußte nicht wohin damit. Aus bloßer Liebe zur Symmetrie habe ich sie so aufgestellt.

Nachsatz: Selehic-Nüßlein ist eine Kunstfigur, erdacht vom Autor und erstmalig in Erscheinung tretend in der Laudatio
(21.10.2021)