Hags Head

Prosa: Wandern

Liebe Zuhörende (das seid ihr alle),

geliebte Zuhörende (das bist Du, mein Schatz),

liebe Dazugehörende (falls ihr gerne wandert),


schon sind wir bei Thema. Wandern. Eigentlich etwas ganz Altmodisches. Hätte zumindest vor 20 Jahren ein erklecklicher Anteil der Jugendlichen gesagt. Wandern - das ist sowas von uncool, das ist was für die Alten, wir Jungen surfen oder windsurfen oder biken oder skaten oder paragliden, machen Basejumps oder Bungee. Aber Wandern, nee - völlig out.

Manchmal, in letzter Zeit gerne auch öfter, denke ich: es ist gut, daß ich fast immer schon altmodisch war. Das fängt mit Musik von Mozart an und hört bei Newtons Mechanik noch nicht auf. So bin ich auch immer gerne gewandert, selbst als das völlig uncool war und als Gesprächsstoff im Kollegenkreis eher nicht taugte.

Jetzt ist es wieder hipp.

OK, die mit Hipp gefütterte hippe Jugend nennt das jetzt eher "trekking", aber letztlich ist es dasselbe wie wandern.

Wandern. Was ist das? Um Heinrich Spoerl anzuzapfen: "Da stelle mer uns jans dumm. Wandern is, wenn mer zu Fuß von a nach b kommt".

Ah. Von a nach b. Wenn ich also zum Bäcker gehe, mein Lieblingslächeln und drei Chia-Brötchen abhole, dann wandere ich?

Die Bewanderten unter uns sagen natürlich: natürlich ist das kein Wandern. Das ist ökologisch höchst wertvoll, da weder Auto noch Pedelec bewegt werden, aber allenfalls als Gehen zu bezeichnen. Da bewegt man sich ja für einen bestimmten Zweck fort. Der genau entfällt beim Wandern.

Ah so, dann ist also die schnelle Runde um den Emssee (oh pardon, Sie können hier ja den Emssee gar nicht kennen, nehmen wir den Titisee) auch kein Wandern? Genau, ist sie nicht. Das ist in der schnellen Variante Laufsport, in der mittelschnellen Jogging und wenn die Stockenten unterwegs sind "nordic walking". Klingt schon ähnlich, ist's aber nicht. Nee, kein Wandern.

Wandern ist ganz anders. Das fängt, wie schon zu erahnen, damit an, daß man um des Wanderns Willen wandert. Des Wanderns Wunder besteht zum Beispiel darin, daß frau nach x Stunden am Startpunkt wieder ankommt (der, bitte schön, in angemessener Entfernung zum Wohnort zu liegen hat - Wohnort-Wandern ist ja nur Spaziergang) und außer x km in den Beinen, zwei Radlern im Bauch und zu vielen Fotos auf zu vielen Kameras nichts mitgenommen hat, selbst wenn sie etwas mitgenommen aussieht.

Anders (und nicht Bohlen) ist auch, daß kaum allein gewandert wird. Mindestens zwei Wanderer sollten es schon sein, die nach Sparta kommen. Das Wandern wäre so allein wirklich nicht des Müllers Lust. Das fängt schon damit an, daß man sich allein nicht mal um die Wanderstrecke streiten kann. Zu zweit geht das vortrefflich: Rhein oder nicht Rhein, das ist hier die Frage. Oder "Steil oder flach". Lang oder kurz. Viel begangen oder eher still. Schattig oder sonnig? Wald, Wiese, Asphalt, Matsch, Themenweg, ist Restauration wichtig? Ach nee, da waren wir letztes Jahr ja schon. Gibt's da Parkplätze? Ladesäulen? Klohäuschen? Pommesbuden? Infostände? Ranger??? Bis dahin gilt unser Ticket nicht. Wir könnten mit der Seilbahn rauf. Ach, rodel mir doch das Hasenhorn runter! Ist aber nur Fitness-Kategorie III. Ja, wenn's denn sein muß ...

Hat das Wanderpaar sich für eine Strecke entschieden, beginnen die Vorbereitungen. Die dauern bei Geübten knapp eine halbe Stunde, Ungeübte und Zaudernde brauchen gerne etwas länger. Aber für beide gilt: einfach den Lederrucksack um und los wie damals Luis Trenker geht gar nicht. Denn a) Lederrucksack ist t-o-t-a-l veraltet, da daß es schon ein neuer, als regendicht angepriesener, mit Extra-Kammern und zu kleiner Handy-Halterung ausgestatteter Funktionsrucksack aus Poly-Irgendwas sein, der im Sportcenter-Outlet zum sagenhaft reduzierten Preis erstanden wurde. Daß die Regendichtigkeit dem badischen Regen eher nicht standhält und der 15-Euro-Rucksack aus der Aldi-Wühlkiste einfach praktischer ist, sei dahingestellt. Und hinein kommt nicht etwa nur Schnaps, Schinken und Brot, sondern taktisch klug verteilt alles, was die Wandertour nicht scheitern lassen wird:

Manche nehmen noch Ersatzsocken, Mülltüten, Campingdecke und Kondome mit, da ist der Fantasie kaum eine Grenze gesetzt, die setzt allenfalls das Volumen des oder der Rucksäcke. Dann noch die teuren Wanderstiefel geschnürt, die teuren Wanderstöcke gepackt, die teuren Schöffel angezogen und raus aus der teuren Ferienwohnung - auf geht's zum Wandern!


Anreise

Idealerweise ist die Anreise kurz. Manchmal ist sie schon mit dem Verlassen der Ferienwohnung erledigt, öfter allerdings brauchts Bus oder Auto, um zum Startpunkt zu kommen. Glück hat, wer mit dem Ferienticket kostenfrei Bus fahren und damit auch zum Ziel kommen kann, Pech die, die am Ende einer einstündigen Fahrt feststellt, daß sie kein Kleingeld für den Parkscheinautomaten hat. Ganz viel Pech hat der, der gar nicht zum Ziel kommt weil a) der Wanderparkplatz wegen irgendwas gesperrt ist b) der Nebel eine Wanderung unmöglich macht c) er den mundartlich gefärbten Ortsnamen verwechselt hat oder d) die Batterie auf halben Wege halb leer ist. Gibt's nicht, sagen Sie? Dann sind Sie noch nie mit einem Flachland-E-Auto im Gebirge unterwegs gewesen ... Da Wandern laut Tante Wikipedia "mehr als eine Stunde" Bewegung bedeutet sollte der Anweg auch für die kürzeste Wanderung maximal eine halbe Stunde dauern. Wäre beim Diavortrag doch zu peinlich, wenn man für 2 Stunden Fußweg 4 Stunden im Auto gehockt hätte. Das gäbe Abzüge bei der B-Note.


Orientierung

So, da wären wir am Startpunkt der Wanderung, die Rucksäcke sind nicht daheim vergessen und die Stöcke auf richtige Länge ausgezogen worden. Was je nach Modell durchaus zu Diskussionen und fruchtlosen Versuchen führen kann. Wer sie dann auch noch zu zögerlich zuschraubt läuft Gefahr, irgendwann auf ganz kurzen Stöckchen herumzuhumpeln. Dazu später ... Erst mal gilt es den Einstieg in den Weg zu finden. Heutzutage ist das leicht, alle richtigen Wanderregionen haben ihre Strecken sauber beschildert und mit wohlklingenden Namen versehen: Geißenpfad, Höhenweg, Jungfernstieg, Turmsteig, Vogesenblick, Aran-View, Ameisenweg u.s.w. Dummerweise starten meist mehrere Wege am selben Ort und ehe der Wanderer es sich versieht folgt er statt der blauen Raute der gelben Raute, sieht ungeahnte Dinge und läuft viel mehr, als er wollte. Aber - der moderne Wanderer hat ja sein (aufgeladenes, s.o.) Smartphone dabei und die neueste Wander-App geladen und griffbereit. Wie hieß noch das Passwort? Ah, ja, MüllersLust. Mit ü oder ue? So, wir sind schon drin, der Weg müßte der roten Raute folgen und am Wegkreuz starten. Wo verdammt ist Norden?? Magnetkompass und Hand-Kompass sind sich nicht einig, die ausgehängte Karte ausgerechnet an der Stelle völlig abgegriffen. Guck mal, da ist eine rote Raute! Nee, die ist orange. Ach was, ausgeblichen! Aber sieh doch, das Wegkreuz ist da!

Irgendwann ist man also mit Frau (oder frau mit Mann) auf dem Weg, gut sichtbar ausgetreten und die schönen Ausblicke stellen sich auch ein. Da ist Orientierung kein Problem. Bis der Weg über ein ausgedehntes Schotterfeld, durch schuhtiefes Moor oder in von Forstgeräten zerfahrenen Wald führt und die Bäume mit der roten Raute längst dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind. Da geht man einfach der Nase nach weiter, bis man gar keinen Hinweis mehr sieht. Schatz, schau doch mal auf die App! Äh, kein Netz! Doch, jetzt, aber keine Karte. Wie, Guthaben alle? Mince. Hol doch mal die Papierkarte raus. Die aus dem Rucksack zu fischen und gegen den Wind zu entfalten dauert etwas. Also, ich meine, wir sind hier. Da der Kirchturm gehört zu diesem Ort, und der Waldrand da ist hier auch verzeichnet. Also sind wir noch auf dem Weg. Wo war noch mal Norden? Komisch, eigentlich müßte die große Straße rechter Hand liegen, ich höre sie aber links. Sind wir vielleicht eben her falsch abgebogen? Weißt Du, wir gehen einfach zur Gabelung zurück.


Einfälle

Wichtig für das Wandern ist, nicht einfach nur der einfachen Wegbeschilderung zu folgen; einfach nur normales Wandervieh sein will ja niemand. Folglich wird die wortreich beworbene Route mit eigenen Einfällen garniert: der Seitenweg da führt doch bestimmt zu einem schönen Aussichtspunkt! Stimmt, aber derweil sind die Bäume so hoch gewachsen, daß man nichts mehr sieht. Ich meine, wir könnten zum Turm hier nach links abkürzen. Stimmt, bis ein unverzeichneter Zaun zur Umkehr zwingt. Der Parallel-Weg führt auch zum Ziel und ist viel weniger begangen (weil er kurz vorher ins Tal abbiegt). Da neben dem Weg sieht es nicht so matschig aus (sieht es nicht, ist es aber). Ich klettere mal eben den Hügel rauf, von da aus habe ich den Überblick. Nur der Durchblick stellt sich auch da nicht ein ... dererlei läßt sich gerne und gut variieren.


Ausfälle

Ja, aufgeladen (s.o.) ist das Handy. Sogar für genug Guthaben haben wir gesorgt. Dumm nur, daß die kurze MMS an die Lieben daheim auf besagtes Guthaben restlos auffrißt, da die Wanderroute in den Empfangsbereich einer befreundeten Nachbarnation führt und die Flatrate dafür dann nicht gilt. Das war's dann mit dem FaceTime-Call nach Hause.

Oder, schlimmer noch, der Ausfall der Hörgeräte, weil im Urlaub die Batterien aus welchem Grund auch immer nicht so lange halten und Ersatz erst im Auto erreichbar ist. Ausfallen kann auch die geplante Fotoserie vom Aufstieg auf den Pipapo-Horn, weil sich beim letzten Foto-Sichern der Schreibschutz aktiviert hat und der Fotograf es erst nach der Tour merkt.

Auch gerne genommen: ausgefallene Jausen, weil die Jausen-Station genau heute einen Tag geschlossen hat. Hätte man wissen können, hätte man die Routenbeschreibung bis zum letzten Satz studiert.

Und manchmal fällt die größere Hälfte der Wandertour aus, weil die Ru;cksäcke (s.o.) den Regen dann noch nicht so gut abhalten, die Windjacken es ihnen gleichtun und es einfach zu ungemütlich wird. Wandern halt ...


Zwischenfälle

Hier greife ich mal zu der griffigen Punktetabelle:


Erwartungen

Wer wandert, hat natürlich bestimmte Erwartungen an Land und Touren. In Irland erwartet man Schafe, grüne Wiesen und Regen, in Schottland Schafe, graue Wiesen und Regen, in England Regen, Regen und Regen und in Spanien Schafe, staubige Weiden und Sonne. Das alles kann allerdings arg enttäuscht werden! So stellt sich mancher Wanderin der erhoffte Erholungseffekt nicht ein, wenn nach nach zwei Stunden im tiefsten Schwarzwald immer noch keine Motorsäge zu hören ist. Der Zweite zweifelt wiederum am Ort des Geschehens, wenn statt des Wurstsalates nur Pommes auf der Berggaststättenspeisekarte stehen. Statt Waldesruh' das Gedröhne hochgezüchteter Motorräder zu vernehmen ärgert den Dritten. Gänzlich enttäuscht ist der Vierte, der auf den Köpfen der Damen überall einen Bollenhut erwartet hat. Freudig enttäuscht ist, wer nach 20 km Wanderung _keine_ Blasen an seinen Füßen findet.

Wer allerdings erwartet, daß Wandern immer und genauso abläuft wie hier skizziert - der ist mit Sicherheit dem Holzweg!


Fröhliches Wandern!

03.11.2021